„Fürsorgearbeit darf nicht mehr weiblich gedacht werden“ – Im Interview mit Autorin Sarah Diehl

Frauen, die sich aus freien Stücken für ein Leben ohne Kinder entscheiden, sind in unserer Gesellschaft immer noch einem enormen Stigma ausgesetzt. Wir haben mit der Berliner Autorin und Aktivistin Sarah Diehl über ihr Buch „Die Uhr, die nicht tickt“ gesprochen und darüber, wie es sich so lebt – als Frau ohne Kinder, Ende 30, in Berlin.

Das Interview führte Lisa Purzitza

F/B: Liebe Sarah, was hat dir eigentlich den Impuls für dein Buch „Die Uhr, die nicht tickt“ gegeben?

Diehl: Ich habe mich vor allem gewundert, dass viele meiner Freundinnen die Frage, ob sie Kinder wollen oder nicht, so sehr belastet. Und ich dachte: Kreuzberg, feministische Freundinnen – wir durchschauen doch eigentlich diese Rhetorik und diesen Druck von außen. Es war gar nicht so sehr meine eigene Frage nach Kindern. Ganz persönlich war eher die Frage, warum es andere so sehr belastet und mich nicht. Was für eine durchaus positive Ignoranz gegenüber dem Druck von außen ich da anscheinend kultiviert habe. Ich wollte Frauen das Handwerkszeug dafür geben, zu durchschauen, wie versucht wird, ihr Selbstwertgefühl kaputt zu machen.

Ein weiterer großer Impuls war dieses ewige Reden über bestimmte weibliche Bedürfnisse als „natürlich“, wodurch schließlich eine Argumentationsgrundlage dafür geschaffen wird, dass Frauen die ganze unbezahlte Fürsorgearbeit leisten. Die Idee, den Mutterinstinkt zu analysieren, welcher eigentlich nichts anderes ist als eine Art Arbeitsbeschreibung für die Kleinfamilie, das war für mich vielleicht die größte Motivation.

F/B: Hast du für dich herausgefunden, warum dich die Frage nach Kindern nie so stark gestresst hat?

Diehl: Ich habe ehrlich gesagt mehrere heiße Liebesbriefe an meine Eltern geschrieben. Sie haben mir geholfen, zu einem Menschen zu werden, den Erwartungshaltungen von außen nicht so sehr interessieren. Und mir wurde klar, was für ein Privileg das ist.

F/B: Es gibt in Deutschland ja gerade einen Trend zurück zur Kleinfamilie, die Leute heiraten auch wieder häufiger. Denkst du, das hängt mit einem Gefühl von Unsicherheit zusammen und einer Flucht ins sichere Idyll der Kleinfamilie?

Diehl: Ja genau, das ist für mich aber vor allem ein Beweis dafür, dass die Menschen einfach keine Alternativen kennen. Meistens ist es eine Flucht aus diesen ätzenden neoliberalen Verhältnissen, dann wird die Kleinfamilie romantisiert, weil sie angeblich Sicherheit bedeutet. Was bei Frauen natürlich gar nicht der Fall ist. Klar, dass Lohnarbeit nicht gerade attraktiv ist, mit der Garantie auf Burnout, Konkurrenz und Wettbewerb.

Und viele Frauen, die die Leistungsgesellschaft generell ablehnen, wollen deshalb auch keine Kinder. Das meinte ich wahrscheinlich auch mit dieser gesunden Ignoranz, die ich bei bewusst kinderlosen Frauen sehe. Es geht nicht nur um Kritik an Familienkonzepten und Geschlechterrollen, sondern generell daran, wie durchgetaktet und durchdiszipliniert unsere Leben und unsere Körper sind.

F/B: Du schreibst auch, dass viele Frauen nicht kinderlos bleiben, weil sie einfach keine Kinder wollen, sondern weil sie merken, dass unsere Gesellschaft Müttern Steine in den Weg legt. Was müsste sich verändern, damit das nicht mehr der Fall ist?

Diehl: Vor allem, dass Männer selbstverständlich Fürsorgearbeit und Pflegearbeit übernehmen und diese Themenbereiche nicht mehr als weiblich gedacht werden. Fürsorgearbeit ist Arbeit und zwar gesellschaftlich extrem wichtige Arbeit und diese muss gerecht aufgeteilt werden. Im Arbeitsleben ist es natürlich genauso, Teilzeit darf nicht mehr weiblich gedacht werden. Das ist aber ein total komplexes Thema, ich weiß gar nicht, wo ich da anfangen soll. Steuergesetze, Ehegattensplitting, das sind alles Dinge, die eine Rolle spielen.

F/B: Du meintest, dass viele Frauen Angst haben, in der Isolation der Kleinfamilie zu versinken, wenn sie Kinder bekommen. Was glaubst du, woran das liegt?

Diehl: Ich denke, diese Isolation hat mit einem Perfektionsdrang zu tun, den Frauen entwickeln, weil sie gesellschaftlich immer noch mehr Anerkennung in der Privatsphäre finden. Darüber können sie sich Wert verschaffen, werden aber auch angreifbar. Ich kann mir vorstellen, dass das unglaublich hart ist für Frauen, da rauszugehen, wenn etwas nicht optimal funktioniert. Und das ist natürlich deshalb so perfide, weil das Mutterideal sowieso nicht zu verwirklichen ist. Gleichzeitig hindert uns das typische Bild der Kleinfamilie daran, auch mal andere Konzepte wie soziale Elternschaft auszuprobieren, die Frauen in dieser Hinsicht entlasten könnten.

Mir wurde klar: es ist ein Frauenbuch. Weil das Thema einfach dazu gemacht wird.

F/B: Du wolltest ja auch kinderlose Männer interviewen. Warum hast du dich schließlich doch dagegen entschieden?

Diehl: Ich habe einfach gemerkt, dass das Gespräch gar nicht richtig ins Laufen kam. Sie haben dieses Bedürfnis der Nabelschau nicht und fragen sich gar nicht erst „Was ist mit mir los, dass ich keine Kinder will?“ Die Frage, ob sie Kinder haben wollen oder nicht, wurde ihnen ja nie als Teil ihrer Identität vermittelt. Das ist bei Frauen eine ganz andere Sache. Dinge wie Liebesfähigkeit sind für sie viel zentralere Themen, gerade weil sie viel mehr Anerkennung über die Privatsphäre erhalten und sich mit solchen Themen mehr identifizieren. Deshalb fehlten den Männern, die ich gefragt habe, auch einfach die Worte, um mehr als einen Satz dazu zu sagen.

Ich wollte Männer deshalb mit reinbringen, weil ich kein Frauenbuch schreiben wollte und die Kinderfrage vor allem nicht als reines Frauenthema darstellen wollte. Dann wurde mir aber klar: es ist ein Frauenbuch – weil das Thema einfach dazu gemacht wird.

F/B: Gab es unter den Interviews eines, das dir besonders in Erinnerung geblieben ist? Was dich besonders überrascht hat?

Diehl: Überrascht kann ich nicht sagen, aber was ich zum Beispiel sehr interessant fand: Ich habe eine Frau interviewt, die die Glasknochenkrankheit hatte und meinte, ihre Kinderlosigkeit werde eher begrüßt oder als selbstverständlich gesehen, was sie kritisierte. Im Gegensatz zu vielen anderen Fällen aus meinem Buch, hat bei diesem Fall niemand bei mir nachgehakt. Es interessiert die Menschen entweder nicht oder sie haben Angst darüber zu reden. Oder es fehlt ihnen ebenfalls die Sprache, weil man über solche Themen normalerweise nicht spricht.

F/B: Du kommst ja nicht aus Berlin, du kommst aus Erbach (Bad Camberg) in Hessen. Was hat dich eigentlich nach Berlin gezogen?

Diehl: Das Studium. Mit meinem Fachabi konnte ich nur an die Fachhochschule und in Berlin gab es Museumskunde. Das klang interessant, weil ich es liebe, in den Kellern von Museen zu stöbern. Und ich dachte mir, Berlin, das wär‘ ja wohl mal der Knaller! (lacht) Also habe ich die Erwachsenwerdphase mit Museumskunde in Berlin verbracht.

F/B: Viele sagen ja, man könne in Berlin mit einem nicht ganz so normativen Lebenslauf besser leben als in anderen Städten. Hast du dieses Gefühl auch? Nicht nur bezüglich Kinderlosigkeit, sondern auch in Bezug auf andere alternative Konzepte, Lebensläufe etc.

Diehl: Das Klischee sagt das, aber ich sperre mich dagegen, weil ich die Leute auf dem Dorf nicht unterschätzen will. Ich hatte unglaublich tolle Buchvorstellungen irgendwo in der Provinz, bei denen ich dachte, wow, coole Frauen! Dort gibt es auch diese Ideen von Mehrgenerationenhäusern oder ähnlichem. Die Leute selber wollen anders leben, aber sie scheitern an „verknauserten“ ländlichen Strukturen und daran, dass alternative Konzepte nicht gefördert werden. Und wenn man sich mal den Prenzlauer Berg in Berlin anschaut – das war mal einer der alternativsten Stadtteile ever. Und jetzt ist es dort dem Klischee nach total bürgerlich. Ich will bei diesem antibürgerlichen Ressentiment aber eigentlich nicht mitmachen. Wir wollen alle nur überleben und ein schönes Leben haben.

Manchmal denke ich auch, ich bin einfach so raus aus jeglichen bürgerlichen Konzepten. Ich habe überhaupt keine Ahnung, wie das ist, einen nine-to-five Job zu haben. Und umzingelt zu sein von Leuten, die Sonntags grillen gehen (lacht).

F/B: Aber du lebst ja dennoch nun schon seit einiger Zeit in Berlin. Wieso hast du dich entschieden, zu bleiben?

Diehl: Das ist einfach meine Home Base. Ich reise sehr gerne, aber als Home Base ist Berlin super. Ich habe jetzt mit dem Tauchen angefangen und gerade dieses Jahr will ich ganz viel reisen und tauchen!

F/B: Vielen vielen Dank, das war sehr spannend!

Diehl: Gerne!

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