„Fuck the norms away“ – Im Interview mit Sexaktivistin Laura Méritt

Seit über 20 Jahren setzt sich Sexaktivistin Laura Méritt für einen sexpositiven Feminismus in Berlin ein. Als Betreiberin des Sexshops Sexclusivitäten und Initiatorin des feministischen Porno-Awards ist sie dabei immer mittendrin, wenn es um die Forderung nach gleichberechtigter Lust geht. Unter dem Motto „Fuck the norms away“ hat Méritt in diesem Jahr zum elften Mal den März zum Anlass genommen, das weibliche Lustorgan zu feiern und den MöMo – den Mösenmonat – ausgerufen. Wir haben sie gefragt, was es damit auf sich hat und welche Rolle Berlin für ihren Aktivismus spielt.

Das Interview führte Yvonne Hissel

F/B: Seit fast 30 Jahren prägst du nun mit deinem Freudensalon sowie deinem Shop Sexclusivitäten eine sexpositive feministische Szene in Berlin. Kannst du kurz umreißen, worum es für dich dabei geht?

Méritt: Die Etablierung einer sexpositiven Kultur, die einen selbstbestimmten und wertschätzenden Umgang mit sich selbst und anderen bedeutet, ist ein essentieller Schlüssel zu einer demokratischeren Gesellschaft der Vielfalt. Gerade für Frauen* können sich andere Lebensentwürfe ergeben, die jenseits von Gender-Ideologien und machtpolitischen Erwägungen zum allgemein gesellschaftlichen und natürlich ihrem eigenen Wohlbefinden führen.

F/B: Welche Rolle spielt dabei der MöMo – der Mösenmonat März, den du in diesem Jahr zum elften Mal ausrufst? Was hat es damit auf sich?

Méritt: Beim Frauenmärz fehlte mir der sexualpolitische Aspekt, deshalb haben das Freudenfluss Netzwerk und ich diesen Aktionsmonat begründet, um die Vulvalation weiter voran zu treiben. Viele wissen sehr wenig über das „weibliche“ Sexualzentrum, in Büchern und der Lehre überwiegt die Fortpflanzungslehre, die den Schwanz als erstes und wichtigstes Organ ausführlich beschreibt und die Clitoris auf eine Perle, 2 Lippen und das Loch reduziert. Wir klären darüber auf, was alles in Bewegung und Erregung gerät, was zur Sexualität dazu gehört und stellen auch einen Zusammenhang zur Gesundheit her. Das ist für die Mehrheit aller Geschlechter immer noch neue Information. Im MöMo gibt es eine Ausstellung, praktische Workshops zB. zur weiblichen Ejakulation und Austauschrunden.

F/B: Wenn du zurückblickst auf deine Anfangszeit in Berlin: Wie bist du damals auf die Idee gekommen, einen Sexshop jenseits von Beate Uhse und Co. zu gründen und was waren erste Reaktionen darauf?

Méritt: Beate Uhse ist vor allem eine erfolgreiche Geschäftsfrau gewesen, ihr Angebot war immer auch sexistisch und rassistisch und weitgehend diskriminierend wie der Rest der Sexindustrie. Für mich war da nix dabei, aber die Schwestern in USA zeigten schon in den 70ern, wie positive Vermittlung von Sexualität für verschiedene Bedürfnisse möglich ist.

Das habe ich übernommen und auf europäische Verhältnisse übertragen. Mir ist nach wie vor die Wissensvermittlung und der Austausch das Wichtigste, die politische Dimension, daher mein mittlerweile sehr bekannter Spruch: Wissen macht sexy!

F/B: Neben dem Betreiben von Salon und Sexshop schreibst du Bücher, hältst Vorträge und hast den PorYes-Award zur Auszeichnung feministischer Pornos initiiert. Und das ist nur eine kleine Auswahl aus deinem Schaffen – Glaubst du, du hättest das alles auch beispielsweise in Trier, wo du studiert hast, so erfolgreich machen können? Welche Rolle spielt Berlin für dich als Umfeld?

Méritt: Berlin spielt eine große Rolle, nirgendwo sonst in dieser Welt sind die Möslichkeiten so vielfältig und die politische Tradition der besonderen Stadt so tiefgreifend spürbar. Hier treffen sich Leute, die Anderes machen wollen und die vor einengenden Verhältnissen fliehen. Hier finden sich Gleichgesinnte und/oder Einzelkämpferinnen und Vorreiterinnen. Feministische Sexshops z.b. gibt es jetzt verstärkt in verschiedenen Kleinstädten und vielleicht auch bald in Trier, allemal wurden die Mainstream Shops verändert und die Sexindustrie revolutioniert. Das geschieht meist von den Zentren aus.

F/B: Mit Gegen Berlin, The House of Red Doors, der Pornception und vielen weiteren Beispielen erlebt Berlin seit kurzem eine neu aufblühende Sexparty-Kultur. Hat die Stadt sich aus deiner Perspektive in den letzten 30 Jahren sexuell gewandelt?

Méritt: Das sind Wellen, Megasmen. In den 90ern gab es schon einmal eine coole Partyszene und ein starkes Interesse an Sex, jetzt hat der sexpositive Feminismus die Öffentlichkeit erobert und große Resonanz auch durch Social Media erfahren können, das zieht also noch weitere Kreise in Erregung. Voll super! Gesellschaftlicher Wandel vollzieht sich ja prozesshaft und die Feministinnen in den 60ern und 70ern haben schon viel dafür getan!

F/B: Kommt das auch dem PorYes-Award zugute, der seit 2009 mit großer öffentlicher Aufmerksamkeit verliehen wird?

Méritt: Der PorYes Award für feministische Pornofilme hat sicherlich viel dazu beigetragen, den sexpositiven Feminismus in die Öffentlichkeit zu rücken, Sexualität/Pornografie und Feminismus im allgemeinen Bewusstsein zusammen zu bringen und erfreut sich auch zunehmenden Interesses in ganz unterschiedlichen Kreisen. Die Wirksamkeit geht weit über Berlin hinaus und Ziel ist es, die Sex- und Porngeschichte aus einer anderen Perspektive zu schreiben, nämlich einer feministischen.

F/B: Woran hapert es deiner Meinung nach noch? Was muss sich noch ändern, damit Sex positiver und feministischer wird?

Méritt: Zum einen müssen die Aufklärungs- und Biologiebücher geändert werden und von Lustorganen handeln, nicht von Fortpflanzung. Dann geht es darum, die eigene Körperlichkeit und die Vielfalt zu feiern. Das ist das Schwerste in einer kapitalistisch orientierten Welt, die alles daran setzt, uns (vor allem Frauen*) die Schönheit abzusprechen, um sie uns dann zu verkaufen. Die Pharmaindustrie macht sehr viel Geld damit, unsere Körper zu pathologisieren, auch hier leiden vor allem Frauen* und Transmenschen darunter. Die Werbung ist nach wie vor extrem gegendert und sexualisiert, was vor allem zu einer normierten Sexualität führt, nicht aber zu einem vielfältigen Ausleben von unterschiedlichen Sexualitäten. Und konsensuelles Miteinander Verhandeln sollte an der Grundschule gelehrt werden genauso wie eine positive Sprache.

F/B: Gibt es eine Veranstaltung in deinem Salon, die du unseren Leser*innen besonders ans Herz legen möchtest?

Méritt: Das kommt ganz auf das jeweilige Interesse an. Ich liebe unsere praktischen Abende, das lachende Becken ist z.b. ein sehr geschätztes gemeinsames Beckenschaukeln und energetisches Orgasmieren. Der PorYes- Filmabend am letzten Freitag des Monats ist immer gut besucht, da stell ich Pornos vor und vor allem analysieren wir sie, das ist voll lustig, weil wir ja unsere eigenen Brillen und Konditionierten Einstellungen mit im Blick haben. An Workshops ist die weibliche*Ejakulation sicher super erhellend und die Mösenmassage mega genussvoll. Auch die Austauschabende mag ich sehr, da ich immer wieder dazu lerne. Das gemeinsame Lachen gehört überall bedingungslos als Kraftquelle dazu. Und den Freudensalon gibt es jeden Freitag, ja wirklich, jeden Freitag!

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