„Es gibt eine unsichtbare weibliche Wohnungslosigkeit“ – Im Interview mit den querstadtein-Gründerinnen

querstadtein bietet autobiographische Stadtführungen aus der Perspektive ehemals obdachloser und geflüchteter Menschen an. Die Gründerinnen Sally Ollech und Katharina Kühn haben im Herbst 2017 die Geschäftsführung des Sozialunternehmens an Selina Byfield und einen neuen ehrenamtlichen Vorstand übergeben. Im Interview mit FEMALE/BERLIN sprechen die beiden über die Idee von querstadtein und weibliche Wohnungslosigkeit.
Foto: startsocial/Gordon Welters

Das Interview führte Lisa Purzitza

F/B: Liebe Sally, liebe Katharina, querstadtein ist mittlerweile von einer vielversprechenden Idee zu einem erfolgreichen Sozialunternehmen geworden. Was denkt ihr, ist der Erfolgsfaktor von querstadtein?

Ollech: Ich glaube, dass wir mit der Idee von Stadtrundgängen, auf denen sich unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen begegnen und miteinander ins Gespräch kommen, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort waren. Ein ebenso wichtiger Erfolgsfaktor ist  natürlich auch das Team: In den ersten anderthalb Jahren wurde querstadtein ehrenamtlich aufgebaut, wir arbeiteten mit verschiedenen Kooperationspartnern und konnten dann Stück für Stück eine Geschäftsstelle etablieren. Inzwischen arbeiten drei Festangestellte und elf Stadtführer*innen bei querstadtein.

Kühn: Darüber hinaus ist die Frage der Finanzierung sehr wichtig für den nachhaltigen Organisationsaufbau. querstadtein hatte von Beginn an Einnahmen, allerdings reichen diese auch gegenwärtig nicht, um die vollen Kosten zu decken. Das Team arbeitet kontinuierlich an der Weiterentwicklung des Konzepts und inhaltlich zu den Themen Obdach- und Wohnungslosigkeit sowie Flucht und Migration. Auch die einzelnen Touren müssen natürlich entwickelt und verkauft werden. querstadtein hat daher weiterhin eine Mischfinanzierung aus Toureinnahmen, Fördermitteln und Spenden.

F/B: Wenn ihr an die Anfangsphase zurückdenkt, was hat euch den ersten Anstoß für die Gründung gegeben und welches Ziel wolltet ihr mit den Stadtführungen verfolgen?

Kühn: Wir wollten neben unseren damaligen Jobs mal eine ganz konkrete Idee in Berlin sozialunternehmerisch umsetzen. Gleichzeitig sind uns im Stadtbild immer wieder obdachlose Menschen aufgefallen, aber auch die Kluft zwischen Obdachlosen und dem Rest der Gesellschaft. Hier wollten wir aktiv werden und einen Raum für Begegnung, Fragen, Austausch und Achtsamkeit schaffen. Gestartet sind wir 2013 mit „Obdachlose zeigen ihr Berlin“ und 2015 haben wir das zweite Angebot ins Leben gerufen: „querstadtein – Geflüchtete zeigen ihr Berlin“. Das aktuelle querstadtein-Team bringt unsere Touren jetzt auch in andere Städte, angefangen mit Dresden.

Ollech: Wir wussten, dass in anderen Städten wie Hamburg, London oder Kopenhagen Stadtführungen von Obdachlosen angeboten werden und fanden diesen Ansatz spannend. Eigentlich dachten wir, dass es solch ein Angebot in Berlin, der Stadt mit den meisten obdach- und wohnungslosen Menschen in Deutschland, bereits geben müsste – doch dem war nicht so. Also haben wir begonnen, erste Kontakte zu knüpfen und querstadtein kam ins Rollen.

Stadtführer Klaus Seilwinder (Foto: Hanna Thiesing)

F/B: Was denkt ihr, wieso gerade in einer Stadt wie Berlin so ein Konzept noch nicht existiert hat?

Ollech: Ich glaube, dass es einfach noch niemanden gab, der die Idee nach Berlin geholt hat. Und in der Umsetzung ist querstadtein dann auch anders als in anderen Städten: Jeder Rundgang wird individuell gemeinsam mit dem jeweiligen Guide entwickelt, damit es wirklich ihre Touren sind. Es gibt keine Blaupausen, die Tourguides verknüpfen Orte im öffentlichen Raum mit ihrer ganz persönlichen Geschichte und vermitteln Informationen zu den Themen Obdach- und Wohnungslosigkeit beziehungsweise Flucht und Migration.

F/B: Hattet ihr eine Strategie für das Rekrutieren euer Stadtführer*innen? Wenn ja, wie sah sie aus und welche Hürden begegneten euch?

Ollech: Das Recruiting der Stadtführer*innen lief in beiden Gruppen unterschiedlich: Bei den (ehemals) obdachlosen Tourguides kam der Erstkontakt über Sozialarbeiter*innen zustande. Hierbei sind unsere Kooperationen mit verschiedenen sozialen Trägern von großer Bedeutung. Bei den Tourguides mit Fluchterfahrung arbeiteten wir stärker mit Ausschreibungen, die wir in der Community gestreut haben.

Kühn: Herausfordernd bleibt das Recruiting insbesondere bei den ehemals obdachlosen Stadtführer*innen: Für Menschen, die aktuell auf der Straße leben, ist die Tätigkeit als Stadtführer*in bei querstadtein in der Regel nicht niedrigschwellig genug und erfordert zu hohe Verbindlichkeit. Leute wiederum, die den Sprung von der Straße zurück in ein Übergangswohnheim oder eine eigene Wohnung geschafft haben, wollen sich nicht zwangsläufig als ehemals obdachlos outen oder möchten auch einfach mit dieser Zeit abschließen. Zudem müssen sich alle Tourguides natürlich wohl damit fühlen, vor einer Gruppe und über ihre Erfahrungen zu sprechen.

F/B: An welchen Moment aus einer eurer Stadtführungen erinnert ihr euch gerne zurück?

Ollech: Ein berührender Moment war für mich die allererste querstadtein-Tour am 4. Juni 2013 in Schöneberg. Zu sehen, dass querstadtein wirklich startet und unsere gemeinsam mit dem ersten Stadtführer Carsten Voss erarbeitete Tour funktioniert und die Teilnehmenden begeistert, hat mich ungemein gefreut und berührt. Ebenso ein bewegender Moment war die erste Tour aus Ankommer-Perspektive am 20. April 2016 – die Erzählungen unserer Guides, in diesem Fall von Arij Oudeh und Samer Serawan, berühren mich damals wie heute.

Kühn: Besonders schön waren auch immer wieder die Momente, wenn Teilnehmende unserer Touren im Anschluss rückmeldeten, dass sie obdachlosen Menschen jetzt ganz anders begegnen oder auch berichteten, wie und wo sie sich aufgrund der Tour und des Austauschs mit unseren Guides jetzt selbst engagieren.

 

„Frauen setzen in der Regel alles daran, ihre Unterkunft nicht zu verlieren, z. B. auch indem sie sich in abhängige Wohnverhältnisse begeben oder in gewalttätigen Beziehungen verharren.“

 

F/B: Auch wenn immer noch mehr Männer auf der Straße leben, gehen Schätzungen davon aus, dass die Anzahl weiblicher Obdachloser stetig steigt. Denkt ihr, Frauen sind auf der Straße besonderer Problematik ausgesetzt?

Ollech: Ja, das ist definitiv der Fall. Für Frauen ist das Leben auf der Straße oft noch gefährlicher als für Männer. Ohne Schlafplatz sind alle Menschen völlig schutzlos ihrem Umfeld ausgeliefert. Für Frauen auf der Straße gibt es hier noch zusätzliche Gefahren. Wohnungslose Frauen erleiden in einem sehr großen Ausmaß sexuelle oder andere Gewalterfahrungen. Daher – und häufig auch aus Scham oder Schuldgefühlen für ihre missliche Lage – setzen Frauen in der Regel alles daran, ihre Unterkunft nicht zu verlieren, z. B. auch indem sie sich in abhängige Wohnverhältnisse begeben oder in gewalttätigen Beziehungen verharren. Dies ist die verdeckte und somit unsichtbare weibliche Wohnungslosigkeit. Der Frauenanteil der Wohnungslosen, ohne Berücksichtigung von wohnungslosen Geflüchteten, liegt bei schätzungsweise 27 %. Hinzu kommt, dass es immer noch zu wenig Angebote der Wohnungslosenhilfe explizit für Frauen gibt.

F/B: Wie viele Menschen leben denn in Deutschland insgesamt auf der Straße und wieviele sind es in Berlin?

Kühn: Es ist grundsätzlich sehr schwer, Informationen zu einzelnen Gruppen und auch deren zahlenmäßiger Entwicklung zu erfassen: In Deutschland existiert keine offizielle Statistik zu obdach- und wohnungslosen Menschen. Sie werden nicht gezählt. Doch ohne konkrete Zahlen zur Situation wohnungsloser und obdachloser Menschen fehlt auch die Argumentationsgrundlage für systematische Hilfe und eine bessere finanzielle Ausstattung der Hilfsangebote. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe schätzt, dass 860.000 Menschen in Deutschland 2016 keine eigene Wohnung hatten, etwa 50 % sind wohnungslose anerkannte Geflüchtete. Wohnungslose Menschen übernachten in Notunterkünften, Bauwagen oder bei Bekannten. 52.000 Menschen sind geschätzt obdachlos und haben keinerlei Unterkunft. Wie viele Frauen genau auf der Straße leben, bleibt ungewiss.

Ollech: In Berlin gelten nach Schätzungen der Wohlfahrtsverbände derzeit bis zu 30.000 Menschen als wohnungslos, die Zahlen hatten sich 2016 gegenüber dem Vorjahr fast verdoppelt. Die Zahl der Obdachlosen wird auf 6.000 bis 10.000 Menschen geschätzt. Das ist also eine beunruhigende Entwicklung und eine dramatische Situation. Im Januar fand unter Leitung der Sozialsenatorin die erste Berliner Strategiekonferenz zur Wohnungslosenhilfe statt. Erstmals saßen alle Verantwortlichen aus den Bezirken, den Senatsverwaltungen und von Seiten der Hilfsorganisationen an einem Tisch, um gemeinsam zu überlegen, wie man die alarmierende Situation der Wohnungs- und Obdachlosigkeit in Berlin zumindest ansatzweise in den Griff bekommt. Eine Arbeitsgruppe widmete sich auch dem Thema Wohnungslosenstatistik und will 2019 eine Straßenzählung der Obdachlosen in Berlin vornehmen. Das könnte ein erster Schritt zu verlässlicheren Zahlen zur Situation in Berlin sein.

F/B: Mir ist aufgefallen, dass querstadtein bisher kaum weibliche Stadtführerinnen hat. Gibt es dafür einen Grund und ist es möglicherweise schwerer, Frauen zu rekrutieren?

Kühn: Im Stadtführer*innen-Team von querstadtein gibt es mit Arij Oudeh immerhin eine weibliche Stadtführerin, mit zwei weiteren sind derzeit Touren in der Entwicklung. Eine ehemals obdachlose Stadtführerin konnten wir allerdings leider noch nicht gewinnen. Es gibt mehr obdachlose Männer, diese sind zudem meist sichtbarer und es gibt für obdachlose Frauen eben noch zusätzliche Herausforderungen. Wir würden uns natürlich sehr freuen, wenn bald auch eine ehemals obdachlose Stadtführerin dabei ist, die dann vielleicht auch von diesen besonderen Herausforderungen erzählt.

F/B: Vielen herzlichen Dank!

Mehr zu querstadtein: www.querstadtein.org

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