„Konkurrenz ist eine ungesunde Sache“ – Im Interview mit Rapperin Sookee

Rapperin Sookee mischt mit ihren queerfeministischen und antirassistischen Texten seit vielen Jahren die deutsche Hip-Hop-Szene auf und hat 2017 ihr mittlerweile viertes Studioalbum Mortem & Make-up herausgebracht. Im Interview mit Female/Berlin sprach die Kreuzbergerin über Frauensolidarität im Hip-Hop, ihre aktuellen Lieblingsacts und darüber, was sie an Berlin schätzt, aber manchmal auch ganz schön müde macht.

Das Interview führte Lisa Purzitza
Foto: Eylul Aslan

F/B: Liebe Sookee, du bist nicht nur erfolgreiche Rapperin, sondern auch Feministin. Würdest du sagen, dass die deutsche Hip-Hop-Szene in den letzten Jahren offener geworden ist und sich mehr Frauen an die Branche herantrauen?

Sookee: Die Rapszene ist vorallem größer geworden. Das Internet macht es sehr einfach, Songs und Videos zu produzieren und zu veröffentlichen. Mit dem allgemeinen Wachstum der Szene und dem massiven Anstieg der Anzahl an aktiven Rapper*innen, sind natürlich auch einige Frauen darunter.

Für eine queerfeministishe Subszene, in der ich mich vorrangig bewege, ist der Umstand wesentlich, dass es explizite Solidarität unter alten Häsinnen und Newcomerinnen gibt – im Gegensatz zur Battle-Atmosphäre im Malestream. Man teilt sich Bühnen und Recordingmöglichkeiten, besucht gemeinsam Workshops, macht Features, empfiehlt sich wechselseitig und so weiter. Ich liebe das.

Ich fände es insgesamt schön, wenn der Mainstream sich von uns, was das angeht, ein Scheibchen abschneiden würde. Das ist aber nicht zu erwarten, denn da, wo in linken Subszenen kapitalistische Prinzipen äußerst kritisch beäugt werden, wird ihnen im Mainstream meistenteils direkt zugearbeitet. Konkurrenz ist eine ungesunde Sache. Sie macht das Leben beschwerlich und schürt Ängste. Zu wissen, dass es auf Bühnen und in Playlists Platz für alle gibt, beruhigt mich eher als dass es mich stresst. 

Foto: Eylul Aslan

F/B: Welche Platten von Rapperinnen aus Berlin kannst du dir immer wieder anhören und wer sind die spannendsten Newcomerinnen?

Sookee: Es ist leider nicht so, als gäbe es massenweise Berliner Rapperinnen, deren Style und Content ich mag. Nichtsdestotrotz freue ich mich über jede Frau, die im Game mitmischt. Phasenweise höre ich immer noch gern das „Kattitude“-Album von Kitty Kat oder vereinzelt die alten Sachen von Jeneez, Too Funk Sistaz oder Pyranja.

Bei den wenigen Frauen kann ich mir den Luxus von Berlinzentrismus nicht leisten. Einige großartige Artists, die ich sehr schätze kommen derzeit aus Leipzig (Sir Mantis, ehemals Jennifer Gegenläufer), Düsseldorf (Tice), Hamburg (Finna) aber auch aus Berlin (Lady Lazy, Haszcara, Kaye).

F/B: Du bist Mutter eines Kindes. Wie leicht oder schwer ist es in deiner Branche, Familie und Beruf zu vereinbaren?

Sookee: Ich bin selbständig. Das ermöglicht mir eine vergleichsweise freie Zeiteinteilung und ist in meinem Fall sicher ein Privileg. Außerdem bin ich nicht alleinerziehend und habe zusätzlich durch meine WG und Freund*innen sehr viel Unterstützung. Das Kind ist daran gewöhnt, dass mein Arbeitsalltag wenig gleichförmig ist. Dafür gibt es auch immer wieder Phasen, in denen wir ungestört viel Zeit füreinander haben und ich nicht abgekämpft aus einem Büroalltag nach Hause kehre.

Die Branche ist zwischen meiner Arbeit als Musikerin, Referentin und politischer Aktivistin gar nicht so recht zu bestimmen, deswegen lässt sich eigentliche keine Branchenspezifik formulieren. Aber mir wird zunehmend bewusst, wie sehr Eltern gegen die Zeit innerhalb der kapitalistischen Verwertungslogik anarbeiten. Ein Zustand, der das Familienleben extrem verknappt, was zwischenmenschliche, philosophische, psychoemotionale und auch politische Konsequenzen hat. Vor allem für das Aufwachsen von Kindern. Aber auch, was die Selbstwahrnehmung dessen, was man als „Gelingen“ von Elternschaft ansieht, anbelangt. Es braucht mittelfristig ökonomische und damit zeitliche Entlastungen, insbesondere für Familien. Ein bedingungsloses Grundeinkommen könnte da eine Lösung sein. 

F/B: Dir wurde einmal vorgeworfen, deine Songs klängen wie eine Vorlesung aus dem Soziologie-Grundstudium. Auf deinem aktuellen Album „Mortem & Makeup“ scheinst du mit deinen Texten ein breiteres Publikum ansprechen zu wollen. Wieso hast du dich dazu entschieden, die Kritik ernst zu nehmen?

Albumcover Mortem & Makeup

Sookee: Ich kann mittlerweile ganz gut unterscheiden, ob Leute einfach nur rummotzen und mir in meine Arbeit reinreden wollen, oder ob ich aus der Kritik etwas lernen kann. Ich bin an einigen Stellen von einem recht voraussetzungsreichen theoriebezogenen Stil zu einer niedrigschwelligeren narritiven Textvariante gewechselt und bin froh über diese Entscheidung. Weniger, um aus kommerziellen Gründen einem wie auch immer gearteten Mainstream zuzuarbeiten oder Komplexität zu reduzieren, sondern eher, um etwa jüngeren Leuten den Zugang zu meinen Inhalten zu erleichtern.

F/B: Deine Eltern kommen ja ursprünglich aus dem heutigen Mecklenburg-Vorpommern und sind aus der DDR geflohen. Seit 1986 lebst du in West-Berlin und aktuell in Kreuzberg. Was hält dich noch immer in Berlin? Was bietet dir die Stadt beruflich sowie menschlich?

Sookee: Berlin ist riesig und bietet in jeder Hinsicht unzählige Möglichkeiten. Oft bin ich unentschlossen, welcher Club, welche Infoveranstaltung, welche Kneipe, welcher Spielplatz es nun werden soll. Nicht selten bin ich von dem Überangebot überfordert und bleibe einfach daheim oder wähle das Nächstliegende. Fast jeder Bezirk hat seine Konsumtempel und kulturellen Anlaufstellen, da werden viele fast schon provinziell: „Was? Bis nach Prenzlauer Berg? Das sind ja mindesten 30 U-Bahn-Minuten!“

„Berlin ist mir oft einfach zu viel.“

Ich lebe seit fast 32 Jahren in Berlin und habe mit Sicherheit nur einen Bruchteil dieser Stadt erkundet. Ich bin insgesamt keine Person, die sich explorativ im öffentlichen Raum bewegt, sondern eher auf die gewohnten Wege zurückgeht. Es mag also an mir liegen, aber Berlin ist mir oft einfach zu viel. Ich denke seit einiger Zeit darüber nach, endlich mal den Schritt zu wagen, in eine überschaubarere Stadt zu ziehen. 

F/B: Gibt es Orte in Berlin, die du vermisst, wenn du auf Reisen oder auf Tournee bist?

Sookee: Ehrlich gesprochen: Mein Bett. Ich bin, vielleicht auch beruflich bedingt, mehr der „My-Bed-Is-My-Castle“-Typ. Ansonsten gibt es eine Handvoll Kneipen, in die es mich manches Mal verschlägt. Etwa die „Tristeza“ in der Pannierstraße oder die „Möbel Olfe“ am Kotti. Ich mag den Tiergarten außerdem sehr gern. Ein unterschätzter Ort, wenn man zwischen 3,6 Millionen Menschen zuweilen das Grüne und trotzdem Ruhe und Weite sucht. 

F/B: Welche Veranstaltung in Berlin würdest du unseren Leser*innen gerne empfehlen?

Sookee: Am 22. September mobilisieren sogenannte Lebensschützer*innen zum „Marsch für das Leben“. Unter ihnen finden sich christliche Fundamentalist*innen, AfD-Sympathisant*innen und andere konservativ-reaktionäre Kräfte, die Frauen* die sexuelle Selbstbestimmung nehmen und das Recht auf Abtreibung in Frage stellen wollen. Das Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung stellt seit Jahren die entsprechende Gegendemo. So auch dieses Jahr. Ich bin seit langem unter den Gegendemonstrant*innen und werde dieses Jahr mit einen Redebeitrag vertreten sein.

Vielen herzlichen Dank für deine Zeit! 

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