„Weibliches Wollen ist, gewollt zu werden“ – Im Interview mit Autorin Caroline Rosales

Journalistin und Autorin Caroline Rosales lebt mit ihren beiden Kindern am Rand von Berlin und hat im Januar ihr neues Buch „Sexuell Verfügbar“ herausgebracht. Wir haben mit ihr über sexuelle Freizügigkeit, Pornografie und Missgunst unter Frauen gesprochen.

Das Interview führte Lisa Purzitza

F/B: Liebe Caroline, ich habe in den letzten Jahren einige Bücher gelesen, in denen Frauen nah an ihrer eigenen Lebensgeschichte den Sexismus in unserer Gesellschaft beschreiben. Was ist das Spezielle an deiner Perspektive, was sagst du, was bisher noch nicht gesagt wurde?

Rosales: Das Besondere ist vielleicht, dass ich sehr detailliert über persönliche Dinge schreibe – auch über solche, die unangenehm oder peinlich sind. Als ich gefragt wurde, ob ich ein Buch über Sexismus schreiben möchte, dachte ich sofort: dann aber richtig, ohne Dinge zu beschönigen. Natürlich hat es mir auch Angst gemacht, ein Buch zu veröffentlichen, das so viele persönliche Geschichten enthält und von realen Personen handelt. Aber die Reaktionen waren bisher so positiv, dass ich diese Angst überwunden habe. Es ist wichtig, offen über Kleinigkeiten zu sprechen und Dinge beim Namen zu nennen. Nur so bringen wir Veränderungen in Gang!

F/B: Du kritisierst in deinem Buch, dass in feministischen Debatten zu wenig über selbstbestimmte weibliche Lust gesprochen werde. Auf der anderen Seite schreibst du zum Beispiel, dass es Frauen bei Gelegenheitssex meistens nicht um ihre Befriedigung gehe, sondern um die Hoffnung auf eine Beziehung. Hier sprichst du ihnen also die reine Lust auf Sex ab. Wie passt das zusammen?

Rosales: Nein, natürlich haben auch Frauen einfach nur Lust auf Sex. Aber verschiedene Studien zeigen, dass sie One Night Stands aus anderen Gründen haben als Männer. Bei einer dieser Studien wurden 300 Frauen zur Thematik befragt und heraus kam, dass Frauen Gelegenheitssex eigentlich nicht um ihrer Befriedigung Willen haben, sondern um in ihrem Freundeskreis gut dazustehen oder weil sie auf eine Beziehung hoffen.

F/B: Du erwähnst auch, dass Frauen bei Gelegenheitssex am Ende immer „den Kürzeren“ zögen. Was meinst du damit? Wieso ist Gelegenheitssex gerade für Frauen deiner Meinung nach etwas Negatives?

Rosales: Ich finde sexuelle Freizügigkeit im Grunde super, gerade bei Frauen. Das Problem ist aber, dass es wahre sexuelle Freizügigkeit für Frauen nicht geben kann, solange die patriarchalen Verhältnisse bestehen. Denn am Ende ist die Frau diejenige, die die Kinder bekommt und in unserer Gesellschaft auch heute noch hauptsächlich für ihre Versorgung und Erziehung zuständig ist. Deshalb ist sie meistens auch auf finanzielle Hilfe durch den Partner angewiesen. Wenn heute Frauen und Männer sexuell so freizügig sind, ist die Gefahr größer, den Partner und damit die finanzielle Absicherung zu verlieren. Männer können im Grunde immer machen, was sie wollen. Frauen sind aber, zumindest wenn sie Kinder haben, an einem gewissen Punkt in ihrem Leben gebunden.

F/B: Frauen, die niemals Kinder haben wollen, ziehen bei Gelegenheitssex also nicht den Kürzeren? 

Rosales: Nein, das ist dann eine andere Sache – genau.

F/B: Du schreibst, dass weibliches Wollen darin bestehe, „gewollt zu werden“ und dass diese Lust ihr Extrem zum Beispiel darin finde, dass manche Frauen gerne Vergewaltigungspornos sehen. Kannst du uns das näher erläutern? 

Rosales: Keine Frau will vergewaltigt werden, trotzdem sehen sich manche Frauen Vergewaltigungspornos an. Eine Sexualtherapeutin hat mir dieses Phänomen so erklärt: Frauen törnt es an, dass der Mann sie so sehr will, dass er sich sogar über ihren Willen hinwegsetzt. Das Extrem des Gewolltwerdens sozusagen. Die Mainstreampornos und auch andere Medien, die uns heute „aufklären“, zeigen uns alle das Gleiche: Die Frau ist sexy gekleidet, der Mann will sie, die Frau gibt sich hin. So lernen wir, dass weibliche Lust daraus besteht, gewollt zu werden.

F/B: Du sprachst gerade von Mainstreampornos und auch in deinem Buch schreibst du an verschiedenen Stellen eher negativ über Pornografie. Denkst du, Pornos sind per se frauenfeindlich?

Rosales: Nein, denke ich nicht. Ich finde zum Beispiel Pornos von Erika Lust ganz toll! Nur die Mainstreampornografie, an die wir heute immer früher herangeführt werden, kritisiere ich. Sie vermittelt uns ein falsches Verständnis von Sex, in dem es nur um die Lust des Mannes geht.

F/B: Du erzählst von einer Situation, in der dir Freundinnen einfach die Freundschaft kündigen, weil ihnen dein „lifestyle“ nicht passt. Du erwähnst, dass es leider generell viel Missgunst unter Frauen gebe – woher kommt das deiner Meinung nach?

Rosales: Mir wurde von Frauen vorgeworfen, ich würde mich „schlampig“ verhalten. Ganz schlimm. Ich glaube, viele Frauen haben einfach so einen anerzogenen Ordnungssinn, jeder muss sich richtig und angemessen verhalten, darf nicht aus der Reihe tanzen. Man muss immer schön fleißig sein und darf kein „abweichendes“ Verhalten an den Tag legen. Und weil man das so verinnerlicht hat, kritisiert man quasi instinktiv auch die eigenen Freundinnen, wenn ihr Verhalten am eigenen Weltbild kratzt.

F/B: Du bist alleinerziehende Mutter und schilderst in deinem Buch, wie du deswegen stigmatisiert wirst. Wir haben auch mit Sarah Diehl gesprochen, einer Berliner Autorin, die darüber schreibt, dass gewollt kinderlose Frauen einem enormen Stigma ausgesetzt sind. Es ist anscheinend schwierig, in dieser Gesellschaft als Frau etwas richtig zu machen?

Rosales: Ja, es geht am Ende eben um die Beziehung zum Mann und um die Norm des Kleinfamilienidylls. Darum, dass man gesellschaftliche Erwartungshaltungen erfüllt. Das habe ich auch an dem ganzen Hate gemerkt, den ich nach meinem Buch „Single Mom“ zu spüren bekommen habe. Da haben mir reihenweise Männer geschrieben, ich könne einfach keinen Mann halten und sei selber Schuld an meiner Situation und so weiter. Frauen sind einfach am Ende diejenigen, die Schuld sind. Deshalb schicke ich auch immer den Vater meiner Kinder vor, wenn es mit ihnen zum Beispiel im Kindergarten ein Problem gibt. Wenn ich dort hin komme, werde ich mit großen Augen angeschaut und man fragt sich, wo ich als Mutter gescheitert bin. Ihm klopfen die Leute auf die Schulter und sagen „das wird schon wieder“.

F/B: Vielen Dank, Caroline! Hast du noch eine Veranstaltung in Berlin, die du unseren Leser*innen empfehlen möchtest?

Rosales: Meine Lesung am 12. März in der Kulturbrauerei!

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