Was wäre Simone de Beauvoirs erster Tweet? – Im Interview mit Autorin Julia Korbik

Julia Korbik hat zwei Jahre nach dem ersten Blogbeitrag zu Simone de Beauvoir ihr zweites Buch „Oh, Simone! Warum wir Beauvoir wiederentdecken sollten“ bei Rowohlt veröffentlicht.

Nach wie vor sind Beauvoirs Beobachtungen und Beiträge hoch aktuell, besonders in Zeiten von #MeToo und Time´s Up. Im Interview spricht die freie Journalistin und Autorin Korbik mit F E M A L E / B E R L I N über ihr neues Buch, Beauvoirs ersten Tweet und Sexismus in Frankreich.

Das Interview führte Rita Schuhmacher

 

F/B: 2014 ist bereits dein erstes Buch „Stand Up. Feminismus für Anfänger und Fortgeschrittene“ erschienen. 2016 hast du dann mit deinem Blog über Simone De Beauvoir begonnen. Was hast du zuerst entdeckt: Den Feminismus oder Simone de  Beauvoir?

Korbik: Tatsächlich zuerst Simone de Beauvoir – durch sie bin ich zum Feminismus gekommen. Mit 18 habe ich als erstes Buch von ihr „Die Mandarins von Paris“ gelesen. Ziemlich schnell habe ich dann auch „Das andere Geschlecht“ in die Hände bekommen – das war für mich eine Erleuchtung. Da habe ich festgestellt: Simone de Beauvoir ist Feministin, dann will ich das auch sein! Der Witz dabei ist, dass ich heute weiß, dass sich Simone de Beauvoir 1949, als „Das andere Geschlecht“ erschien, noch gar nicht als Feministin bezeichnet hat – sie war damals vor allem Sozialistin und dachte, mit der Sozialistischen Revolution käme automatisch die Gleichberechtigung von Männern und Frauen.

F/B: Wie würdest du dann ihre Relevanz in der heutigen Gesellschaft einordnen?

Korbik: Ich war sehr erstaunt, als ich „Das andere Geschlecht“ gelesen habe und feststellte, wie aktuell das Geschriebene heute noch ist. Ihre gesellschaftliche Analyse ist noch aktuell – ob es Beobachtungen von Alltagssexismus sind oder Kommentare, die heute immer noch gelten.

„Was sie vor allem aktuell macht ist, dass sie als erste das biologische Geschlecht von der sozialen Rolle getrennt hat.“

F/B: Dazu hast du in deinem Buch  beschrieben, wie Simone de Beauvoir in den 70ern die Leserinnen der „Les Temps Modernes“ dazu aufruft, ihre Sexismus-Erfahrungen zu teilen. Was würde Simone de Beauvoir von der Metoo-Debatte halten?

Korbik: Sie hätte jetzt keinen Twitter-Account, mit dem sie sich an der Debatte beteiligen würde. Aber ich glaube, sie wäre ganz Vorne mit dabei. Sie hat schon früh erkannt, dass Frauen Erfahrungen mit Sexismus machen und es ganz wichtig ist, dass Frauen diese Erfahrungen teilen. Ich sehe sie da ganz klar auf einem der Womens-Marches im letzten Januar.

F/B: Du sagtest, Simone hätte keinen Twitter-Account. Wenn sie nun doch einen gehabt hätte, was wäre dann ihr erster Tweet?

Korbik: Sie wäre vermutlich eher eine Retweeterin (lacht). Kurz und prägnant auf Twitter zu schreiben, würde ihr eher nicht liegen. Sie hatte immer sehr viel zu sagen.

Fotos: Lisa Purzitza

F/B: Du spannst in deinem Buch immer wieder einen Bogen zu „Das andere Geschlecht“ und schreibst, es würde heute ein eher stiefmütterliches Dasein führen. Welches Buch von Simone würdest du unseren Leser*innen besonders empfehlen?

Korbik: Tatsächlich haben die meisten nur Ausschnitte gelesen oder „Das andere Geschlecht“ mal in der Uni behandelt. Ich glaube aber, man kann noch sehr viel mehr entdecken. Mein Lieblingsbuch von ihr ist allerdings ihr erster Roman „Sie kam und blieb“, der von ihrer Dreiecksbeziehung mit Jean-Paul Sartre und einer Frau handelt. Es ist sehr philosophisch in den Dialogen und das spiegelt sich auch in den Figuren wieder. Damit wären eure Leser*innen sehr gut beraten.

F/B: Nach dem Abitur bist du ziemlich zügig zum Studieren nach Frankreich gezogen. Simone de Beauvoir selbst hat in Paris gewirkt und gelebt. Du lebst nun in Berlin. Welche Stadt ist in Sachen Gleichberechtigung weiter – Berlin oder Paris?

Korbik: Das ist ein Thema, das ich immer wieder mit Französinnen diskutiere. Es gibt einen krassen Unterschied, was zum Beispiel die Belästigung auf der Straße angeht. Mir wird oft gesagt, dass sie sich in Berlin sehr viel sicherer fühlen. Generell ist die Kultur in Frankreich eine ganz andere. Diese Galanterie, von der in Frankreich oft gesprochen wird, ist einfach sexistisch. Viele haben das einfach hingenommen. Machotum ist dort viel akzeptierter. Das hat auch große gesellschaftliche Auswirken, was man beispielsweise an der Metoo-Debatte sieht, die in Frankreich teilweise ganz anders geführt wird als in Deutschland.

F/B: Hast du zum Abschluss noch einen Veranstaltungstipp für unsere Leser*innen?

Korbik: Natürlich die „Feminist Film Week“, die im März in Berlin stattfindet!

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