„Viele sagen: Ich lass mich doch nicht von einer Frau führen!“- Im Interview mit Solo-Oboistin Viola Wilmsen

Viola Wilmsen ist seit 2012 Solo-Oboistin des Deutschen Sinfonie-Orchesters Berlin und weltweit als Solistin und Kammermusikerin in Konzertsälen und bei internationalen Musikfestivals zu Gast. Im Interview mit F E M A L E / B E R L I N spricht sie über Mutterschutz, Konkurrenz und die hohen Erwartungen, die an Frauen in der klassischen Musik gestellt werden.

Das Interview führte Rita Schuhmacher

F/B: Die klassische Musik hat in Sachen Gleichberechtigung noch einiges aufzuholen. Komponistinnen verdienen im Schnitt 35 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen. Wie steht es um die Position von Solistinnen?

Wilmsen: Trotz über 50 Prozent weiblichen Studierenden an den deutschen Musikhochschulen spiegelt sich diese Zahl nicht im Prozentsatz der festangestellten Orchestermusiker wider. Mein Orchester ist da zwar eher eine Ausnahme mit seinen ca. 40 Prozent Frauenanteil. In vielen anderen Orchestern, in denen ich gespielt habe, sind die Frauen, vor allem in meiner Sektion bei den Bläsern, eine Seltenheit. Und das obwohl es inzwischen genauso viele Studentinnen wie Studenten an den Hochschulen gibt, die für eine Orchesterlaufbahn ausgebildet werden.

F/B: Du bist Solo-Oboistin und spielst seit 2012 im Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin . Wie hast du dich behaupten und wie Hürden überwinden können? Von welchen Hürden für Frauen sprechen wir in dieser Branche überhaupt?

Wilmsen: Meine Meinung ist, dass es Frauen heute immer noch schwerer haben, sich im Kampf um eine feste Orchesterstelle beim sogenannten Probespiel gegenüber Männern durchzusetzen. Bei meinen Probespielen hatte ich immer Glück, die Mehrheit der Orchestermitglieder trotzdem überzeugen zu können – auch wenn ich Stimmen hörte wie: die ist doch noch viel zu jung und unerfahren für so eine Stelle etc. In meinen Probespielen habe ich aber wirklich gekämpft, ich habe alles gegeben und versucht, eben nicht die Unscheinbare zu sein, sondern auszustrahlen, dass ich tatsächlich Führung übernehmen kann.

F/B: Wird von Frauen in der klassischen Musik mehr erwartet als von Männern?

Wilmsen: Ja. Besonders extrem ist es bei asiatischen Musikerinnen, von denen es an den Hochschulen sehr viele gibt. Hier habe ich das Gefühl, die müssen mindestens 20 Prozent besser spielen als die Männer, um eine Stelle zu bekommen.

In meinen Jahren im Orchester musste ich dann auch die Erfahrung machen, dass manche Musiker sich in meiner Position lieber einen „kräftigen, bodenständigen“ Mann wünschen als eine „zierliche, weiche“ Frau. Denn mein Job ist es, das halbe Orchester hinter mir zu führen und den Kontakt zum Dirigenten und Konzertmeister herzustellen. Das ist eine große Verantwortung, die einer Frau oft nicht zugetraut wird.

Hier das Extrembeispiel Dirigentin: Da hört man immer wieder alt eingestandene Orchestermusiker sagen: „Eine Frau am Dirigentenpult? Ich lass mich doch nicht von einer Frau führen.“

F/B: Du bist außerdem Mutter von zwei Kindern – bietet dir die Branche genug Flexibilität, um Familie und Karriere unter einen Hut zu bringen?

Wilmsen: Als festangestellte Musikerin im Orchester habe ich das Glück, von den festen Mutterschutzbestimmungen zu profitieren. Ich muss nicht wie viele freischaffende Musikerinnen um Aufträge bangen, wenn ich mir etwas Zeit nach der Geburt nehme, um wieder anzufangen. Hier unterliegt auch meine Arbeit strengen Mutterschutzrichtlinien, die mein Orchester beachtet.

F/B: Welche Möglichkeiten bietet dir Berlin für deine Karriere im Vergleich zu anderen Städten?

Wilmsen: Berlin ist für mich als Musikerin eine geniale Stadt. Die Berliner Philharmonie als ständiger Konzertort meines Orchesters ist schon das Beste, was man sich vorstellen kann. Auf Tourneen kann es vom Saal und der Akustik her meistens nur schlechter werden. Dazu wirkt Berlin mit seinem großen kulturellen Angebot und seiner Vielfalt sehr inspirierend auf mich.

F/B: Du spielst in verschiedenen Ensembles und bist in unterschiedlichen Projekten aktiv, unter anderem mit Kimiko Imani, die du 2009 in Japan beim internationalen Sony Oboenwettbewerb kennengelernt hast. Mit wem spielst du im Moment besonders gerne?/ Welches Projekt macht dir besonders Spaß?

Wilmsen: An meinem Beruf beglückt mich das Wechselspiel von Ensembles und solistischen Aktivitäten. Dieses Jahr spiele ich viel Orchester, während ich 2019 und 2020 wieder viele Solokonzerte geben werde. So bleibt es spannend und abwechslungsreich für mich.

F/B: Gibt es demnächst in Berlin ein Konzert mit dir, das du unseren Leser*innen empfehlen möchtest?

Wilmsen: Am 27. Mai spiele ich mit meinem Sextett Berlin Counterpoint in der Mendelssohn Remise in Berlin, am 2.,6. und 12. Juni spiele ich mit dem Deutschen Symphonie-Orchester in der Berliner Philharmonie.

Foto: Anna Klemm

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