Es lebe die Vulva! – Im Interview mit dem Künstler*innenkollektiv Vulvae

Sie möchten anatomisches Wissen vermitteln und neue Perspektiven schaffen: Vulvae, ein Berliner Künstler*innenkollektiv, haben sich thematisch der Vulva verschrieben und zeigen mit ihren Projekten die Schönheit und Individualität jedes Körpers. Im Interview mit F E M A L E / B E R L I N sprechen sie über Schönheitsideale, Selbstliebe und ihren Aktivismus.

Das Interview führte Yvonne Hissel

 

F/B: Liebe Ida, liebe Ellebasi, was genau macht ihr bei Vulvae?

Vulvae: Vulvae ist ein intersektionaler feministischer Verein, der Kunst mit Bildung verbindet. Thematisch dreht sich unsere Arbeit vor allem um die gesellschaftliche Wahrnehmung von Körpern, Geschlechtern und Sexualität. Praktisch zählen zu unserem Schaffen neben bildender Kunst und Ausstellungen auch Vorträge, Workshops, Coachings und ein regelmäßig stattfindender Stammtisch. Mit unserer Arbeit wollen wir nicht nur das Bild der Vulva in einen neuen Kontext setzen, sondern vielmehr ein ganzheitliches Konzept kreieren, das neue Perspektiven schafft.

F/B: Wie seid ihr auf die Idee gekommen, euch künstlerisch der Vulva zu verschreiben?

Vulvae: Alles begann mit dem Film „Vulva 3.0“ von Ulrike Zimmermann und Claudia Richarz. Dieser thematisiert die Normierung der Vulva und das wachsende Interesse an intimchirurgischen Operationen. Für die Künstlerinnen Ellebasi Gorengpeng, Ida Aniz und Cecilie Bluthardt war diese Dokumentation sehr alarmierend, gab zugleich aber auch den Denkanstoß, sich sowohl intellektuell als auch künstlerisch mit der Vulva und ihrer Kulturgeschichte auseinanderzusetzen.

Die Idee, die Vulva in unseren künstlerischen Fokus zu rücken, entstand aus der Beobachtung, dass das Bild der Vulva meistens in einem pornographischen oder medizinischen Kontext gezeigt wird. Neben diesen zwei Kategorien gibt es kaum mehr und genau diese Lücke möchten wir füllen – mit künstlerischer Ästhetik, Leichtigkeit und Humor.

F/B: Wie ging es dann weiter?

Vulvae: Im Mai 2017 wurde das Künstler*innenkollektiv Vulvae offiziell gegründet und ist seitdem stetig gewachsen. So haben wir bereits im Oktober 2017 unter Beteiligung von 15 Künstler*innen mit Vive la V! unsere erste eigene Ausstellung in Berlin auf die Beine gestellt. Mittlerweile hat sich unser Kollektiv sowohl inhaltlich als auch personell erweitert. Gemeinsam mit Jennifer von Schuckmann, Helen Hagemeier, Johanna Bajohr und Franziska Dickmann sind wir dabei, einen eingetragenen Verein ins Leben zu rufen, der Kunst, Aktivismus und Kulturangebote miteinander verknüpft und so ein vielseitiges Netzwerk schafft.

F/B: Was gibt es eurer Meinung nach noch zu lernen? Welches Wissen wollt ihr vermitteln?

Clitzilla: Ellebasi & Ida Aniz

Vulvae: Was ist der Unterschied zwischen Vagina und Vulva? Wie ist die Klitoris aufgebaut und wie funktioniert sie? Gibt es eine weibliche Ejakulation? Was ist Gender und überhaupt, was hat es mit diesem ganzen Feminismus auf sich? Wir möchten Antworten auf diese Fragen bieten.

Durch die Vermittlung von anatomischem Wissen, durch sexuelle Aufklärung und durch interaktive Projekte wollen wir neue Perspektiven und ein neues Bewusstsein schaffen. Mit unserer Aufklärungsarbeit verfolgen wir das Ziel einer positiven genderübergreifenden Wahrnehmung aller Körper und Geschlechter. Für weniger Bodyshaming und mehr (Selbst-)Liebe.

F/B: Was ist aktuell ein Projekt, an dem ihr arbeitet?

Vulvae: Nachdem Ellebasi, Ida Aniz und Cecilie sehr intensiv an dem Projekt „Feel the V“ mit dem Berliner Sternerestaurant Nobelhart & Schmutzig gearbeitet haben, sind nun alle Gründungsmitglieder des Vereins damit beschäftigt, diesen als einen „eingetragenen” ins Leben zu rufen.

Aber auch verschiedene Festival-Projekte sind in Planung. So werden wir im Juli 2018 auf dem Hedoné Festival in Polen und im August 2018 auf dem Whole Festival im Umland von Berlin vertreten sein. Darauf freuen wir uns schon riesig.

F/B: Was war bisher euer Lieblingsprojekt und was wolltet ihr damit sagen?

Vulvae: Unglaublich war die bereits erwähnte Ausstellung Vive la V! im vergangenen Jahr in der Kultstätte Keller in Berlin-Neukölln. Dort ging es darum, die Schönheit, Vielfalt und Individualität unserer Körper, insbesondere der Vulva, zu zeigen und zu zelebrieren. Gleichzeitig galt die Ausstellung als Kritik an sozial etablierten Schönheitsidealen und den damit zusammenhängenden Tabus. Hierbei war uns wichtig, nicht allein mit dem erhobenen Zeigefinger dazustehen, sondern alternative Bilder zu präsentieren und das durchaus mit Humor.

An nur einem Abend kamen an die 700 Besucher zusammen, um die Werke unserer insgesamt 15 ausstellenden Künstler*innen zu sehen. Dank der tollen Lokalität und unseren DJs entwickelte sich die Veranstaltung zu späterer Stunde zu einem Mix aus Kunstausstellung und Party, auf der sich die Besucher angeregt über die gezeigten Werke austauschten. Wir waren sehr überrascht, wie positiv unsere Botschaften aufgenommen wurden – von Männern wie von Frauen!

F/B: Gab es schon einmal eine negative Reaktion auf eure Kunst? Wie seid ihr damit umgegangen?

Vulvae: Kunst ist nicht dazu da, um jedem zu gefallen und darum geht es uns auch nicht. Vielmehr soll unsere Kunst die Betrachter*innen dazu anregen, über unsere Themen nachzudenken. Am Beispiel der Vulva sehen wir, wie viele Frauen* erstaunt darüber sind, wie viel sie noch über ihr eigenes Geschlecht lernen können.

F/B: Wieso habt ihr euch dazu entschieden, mit Künstlernamen statt mit euren echten Namen aufzutreten?

Vulvae: Vulvae ist ursprünglich als Kunstprojekt entstanden und da lag es für uns nur nahe, dieses als Künstlerinnen, das heißt unter unseren Künstleridentitäten, zu gestalten. Generell möchten wir aber als Personen gar nicht im Vordergrund stehen und in der Öffentlichkeit als Kollektiv sprechen. Die Gemeinschaft ist das, was uns stark macht, und deshalb möchten wir als solche auch wahrgenommen werden.

F/B: Wo muss man hingehen, wenn man sich eure Projekte hier in Berlin anschauen möchte?

Vulvae: Noch bis Ende des Jahres 2018 werden die Skulpturen von Ellebasi und Ida Aniz sowie das großartige Bild „Bunte Vulvae“ von Cecilie Bluthardt im Schaufenster des Nobelhart & Schmutzig in der Friedrichstr. 218, 10969 Berlin ausgestellt.

F/B: Vielen Dank!

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